Tacheles 2026 | Wenn 120 Menschen gemeinsam den AVF-Nebel lichten

Zwischen technologischem Anspruch und strukturellem handlungssbedarf

Mit rund 120 Teilnehmenden hat sich die vierte TACHELES-Konferenz in Karlsruhe erneut vergrößert. Vertreterinnen und Vertreter aus Industrie, Wissenschaft und öffentlicher Hand diskutierten zwei Tage lang zentrale Fragen rund um autonomes und vernetztes Fahren (AVF) – mit einem klaren Fokus auf Europas Innovationsfähigkeit, technologische Souveränität und strukturelle Defizite. Im Mittelpunkt stand weniger die Frage, ob die Technologien vorhanden sind, sondern unter welchen Bedingungen sie in Europa wettbewerbsfähig entwickelt und in die Anwendung gebracht werden können.

Keynotes und Fachvorträge setzten den Rahmen

Die Keynotes am ersten Konferenztag machten deutlich, dass sich die Diskussion über autonomes Fahren zunehmend von einzelnen Technologien hin zu systemischen Fragen verschiebt. Themen wie Datenverfügbarkeit, Geschwindigkeit von Entwicklungszyklen und internationale Wettbewerbsdynamiken – insbesondere im Vergleich zu China – prägten den Auftakt in der Keynote von Dr. Mario Bijelic, Princeton University und Torc Robotics. Der Blick nach China, der im Mittelpuntk der Keynote von Mathias Reiman von Bosch Research stand, verwies dabei vor allem auf strukturelle Unterschiede: schnellere Entscheidungsprozesse, engere Verzahnung von Industrie und Staat sowie eine konsequente Ausrichtung auf skalierbare Ökosysteme. Für Europa ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag, bestehende Stärken stärker mit Geschwindigkeit, Datenzugang und Kooperation zu verbinden

Szenarienworkshops: Ökosysteme als Engpass und Chance

Die Szenarienworkshops vertieften diese Fragen auf operativer Ebene und machten deutlich, dass funktionierende Ökosysteme zum zentralen Erfolgsfaktor werden. Diskutiert wurden neue Wertschöpfungsmodelle, die Rolle von Open Source sowie die Notwendigkeit klarer Governance-Strukturen. Deutlich wurde dabei auch: Ein gemeinsames Verständnis über Zielbilder ist vorhanden – weniger klar ist jedoch, wer in Europa Verantwortung übernimmt, Investitionen bündelt und Umsetzungsgeschwindigkeit organisiert.

Abgerundet wurde der erste Konferenztag mit einem Showcase am FZI Forschungszentrum Informatik, der die vielseitigen Forschungsfelder im Bereich autonomer und vernetzter Mobilität aufzeigte.

Technologischer Schwerpunkte: KI und Simulation in der Umsetzung

Der zweite Konferenztag rückte die technologischen Grundlagen stärker in den Fokus – mit einer klaren industriepolitischen Dimension. Im Beitrag von Prof. Dr. Thomas Brox von der Universität Freiburg wurde deutlich, dass klassische KI-Ansätze bei der Bewältigung komplexer realer Fahrsituationen an Grenzen stoßen. Als vielversprechender Ansatz gelten lernbasierte „Weltmodelle“, die zukünftige Zustände der Umgebung vorhersagen und damit den nächsten Entwicklungsschritt hin zu physikalischer KI markieren. Voraussetzung dafür sind jedoch große Datenmengen, geeignete Recheninfrastruktur und die Fähigkeit, solche Modelle eigenständig zu entwickeln – und damit zentrale Bausteine technologischer Souveränität.

Mit einem anderen Schwerpunkt argumentierte Dr. Philipp Rosenberger von Persival: Nicht die Modellentwicklung allein, sondern insbesondere Validierung und Verifikation bestimmen die Geschwindigkeit im System. Glaubwürdige Simulation wurde als Schlüssel identifiziert, um Sicherheit und Skalierung zusammenzubringen. Entscheidend ist dabei der Zugang zu qualitativ hochwertigen Daten sowie die Etablierung standardisierter, wiederverwendbarer Test- und Simulationsumgebungen – eine Voraussetzung für effiziente Entwicklungsprozesse und echte digitale Souveränität.

Tech-Workshops: Vertiefung zentraler Schlüsseltechnologien

Die drei Tech-Workshops am zweiten Tag übersetzten die übergeordneten Fragestellungen in konkrete technologische Handlungsfelder. Im Fokus standen Automotive Foundation Models als möglicher Baustein für skalierbare und souveräne KI-Systeme, der Einsatz von Simulation und synthetischen Daten zur Bewältigung sicherheitskritischer Szenarien sowie neue Ansätze wie Agentic und Embodied AI, die autonome Systeme robuster und adaptiver machen sollen. In allen drei Formaten wurde deutlich, dass die Technologien grundsätzlich vorhanden sind, ihre Wirkung jedoch stark von gemeinsamen Datenräumen, standardisierten Schnittstellen und koordinierten Entwicklungsprozessen abhängt. Insbesondere die Verbindung von KI-Methoden mit verlässlicher Validierung sowie die Frage nach Kontrolle über Modelle und Trainingsdaten wurden als zentrale Voraussetzungen für wettbewerbsfähige Lösungen in Europa herausgearbeitet.

Gemeinsame Linien aus Workshops und Vor-Ort-Umfrage

Über alle Programmpunkte hinweg zeigte sich ein konsistentes Bild: Die zentralen Herausforderungen liegen weniger in einzelnen Technologien als im Zusammenspiel von Akteuren, Prozessen und Rahmenbedingungen. In Diskussionen und Umfragebeiträgen wurde immer wieder die Frage aufgeworfen, wie funktionsfähige Ökosysteme entstehen können, wie sich Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse beschleunigen lassen und welche technologischen Pfade dabei priorisiert werden sollten. Deutlich wurde, dass insbesondere Datenzugang, interoperable Standards, leistungsfähige Simulation sowie abgestimmte Governance-Modelle entscheidend sind, um Innovationsdynamik zu erzeugen und internationale Anschlussfähigkeit sicherzustellen.

Abschlusspanel: Handlungsfelder klar benannt

Im Abschlusspanel wurden diese Punkte gebündelt und zugespitzt. Im Zentrum stand die Frage, welche konkreten Konsequenzen sich aus den Diskussionen für Politik und Industrie ableiten lassen. Die Panelistinnen und Panelisten adressierten dabei insbesondere bestehende Hemmnisse durch regulatorische Rahmenbedingungen und Datenschutz, identifizierten prioritäre Investitionsfelder und diskutierten, welche Technologien für Europa als entscheidend gelten können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Herausforderungen weniger in fehlenden Erkenntnissen liegen, sondern in der Umsetzung: Gefordert sind klarere Prioritäten, koordinierteres Vorgehen und eine konsequentere Verbindung von technologischer Entwicklung, Regulierung und Förderung.

Fazit 2026

TACHELES 2026 hat gezeigt, dass die technologischen Grundlagen für autonomes und vernetztes Fahren weiter voranschreiten. Gleichzeitig liegt der zentrale Handlungsbedarf auf struktureller Ebene. Die Kombination aus KI-Entwicklung, Datenverfügbarkeit, Simulation und funktionierenden Ökosystemen bildet den Kern zukünftiger Wettbewerbsfähigkeit. Für Europa bedeutet das: Technologische Exzellenz muss stärker als bisher mit geeigneten politischen und organisatorischen Rahmenbedingungen verzahnt werden, um Wirkung zu entfalten. So viel ist gewiss: Die Themen für eine nächste TACHELES-Konferenz 2027 werden nicht ausgehen.

(Fotos: ©FZI Forschungszentrum Informatik, Fotografin Sandra Göttisheim)

Agenda 2026

Tag 1 Donnerstag, 07.05.2026

ab 12:00Registrierung im #SmartProductionPark
Rintheimer Str. 23, 76131 Karlsruhe
13:00Grußbotschaft des Schirmherrn
Minister Winfried Hermann, Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg
13:10Grußwort TACHELES 2026
Philipp Franke, Verkehrsministerium Baden-Württemberg
13:20Begrüßung und Einführung durch den Gastgeber
Prof. Dr.-Ing. J. Marius Zöllner, FZI Forschungszentrum Informatik und Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
13:30Keynote 1: Fast-forward: Accelerating the Data Flywheel
Dr. Mario Bijelic, Princeton University / Torc Robotics
13:55Keynote 2: Europäische Werte und China Speed
Mathias Reimann, Robert Bosch GmbH
14:25Pitches Szenarien-Workshops 1 und 2
14:30Kaffeepause
15:00Zwei parallele, interaktive Workshops
Szenarien-Workshop 1: AVF – Strukturelle Stärkung für den Wirtschaftsstandort Deutschland
Dr. Arwed Schmidt, EasyMile GmbH
Andreas Fehr, DB Regio AG

Darum geht es:
Der Workshop beleuchtet die strukturellen und wirtschaftlichen Hemmnisse des autonomen Fahrens in Deutschland. Diskutiert wird, warum bisherige Zielbilder und Marktstrukturen keine skalierbaren Anwendungen hervorbringen und welche verdeckten Treiber für neue Entwicklungspfade genutzt werden können. Im Fokus stehen eine anwendungsfallspezifische Wertschöpfung, offene und interoperable Architekturen sowie der Aufbau eines tragfähigen europäischen Ökosystems entlang der Initiative Ecosystem Mobility 4.0.
Szenarien-Workshop 2: Vom AD-Stack zu einem kooperativen AVF-Ökosystem 2030 (Bausteine, Standards, Governance)
Dr. Andreas Westendorf, ETAS GmbH
Prof. Dr. Stefan Kesselheim, Forschungszentrum Jülich

Darum geht es:
Der Workshop dreht sich um die Frage, wie ein kooperatives AVF‑Ökosystem 2030 aussieht, das robust, interoperabel und nachhaltig ist. Im Mittelpunkt stehen gemeinsame technologische Bausteine über den AD‑Stack hinaus, offene Standards und Open‑Source‑Modelle. Darüber hinaus müssen Strukturen geschaffen werden, die Zusammenarbeit überhaupt möglich machen. Es braucht Governance‑Modelle, die tragfähig sind, Akteure, die bereit sind, Führungsrollen zu übernehmen sowie Organisations- und Finanzierungsmodelle.
16:30Highlights aus den Szenarien-Workshops
16:55Vorschau auf Tag 2
17:00Übergang zum Showcase am FZI
Präsentiert werden u.a.
– Embedded Boards mit Open Source Software
– regioKArgo TramTrain
– Simulation multimodaler Wegstrecken
– Catch Me If You Can
– Smart Data Loop
– CoCar NextGen
– TAF-Leitstand
– Country to City Bridge 2
ab 18:30Networking-Event

Tag 2 Freitag, 08.05.2026

09:00Start im #SmartProductionPark und Recap Vortag
09:15Tech-Vortrag 1: Autonomes Fahren als Türöffner für Physikalische KI Made in Germany
Prof. Dr. Thomas Brox, Universität Freiburg
09:35Tech-Vortrag 2: Digitale Souveränität für VV-Prozesse durch glaubwürdige Simulation
Dr. Philipp Rosenberger, Persival GmbH
10:00 Pitches der Tech-Workshops 1, 2 und 3
10:10Drei parallele, interaktive Workshops
Tech-Workshop 1: Automotive Foundation Models für Souveränität bei AVF
Prof. Dr. Thomas Brox, Universität Freiburg
Dr. Mario Bijelic, Princeton University & Torc Robotics

Darum geht es:
AFMs sind ein wesentlicher Baustein für die AVF-Entwicklung, weil sie Skalierbarkeit, Effizienz, Absicherung und kontinuierliche Verbesserung ermöglichen. Doch der Weg ist anspruchsvoll: Es braucht nicht zuletzt enorme Rechenkapazitäten, spezialisierte Chiptechnologien, sichere und DSGVO-konforme Datenbereitstellung, Trainingsansätze wie Federated Learning. Hinzu kommt die Frage der technologischen Souveränität: Wer kontrolliert Modelle und Daten? Europa muss hier eigene Kompetenzen aufbauen, um Lock-in-Effekte und Abhängigkeiten von „Big Tech“ und den Hyperscalern in USA und China zu reduzieren. Der Workshop zeigt, wie diese Themen zusammenhängen und warum die Entwicklung von AFMs nur in kooperativen Forschungs- und Innovationsstrukturen gelingen kann. Wir diskutieren, welche Schritte jetzt notwendig sind, um die Grundlagen für souveräne KI im Fahrzeug zu schaffen.
Tech-Workshop 2: Simulation & synthetische Daten für AVF
Cornelia Denk, BIT Technology Solutions GmbH
Dr. Bernd Gaßmann, MOTOR Ai GmbH

Darum geht es:
Simulation bietet entscheidende Vorteile: Sie ist skalierbar, kosteneffizient und erlaubt Tests unter Bedingungen, die in der Realität kaum reproduzierbar sind (z. B. extreme Wetterlagen, seltene Ereignisse). Synthetische Daten ergänzen Realdaten, indem sie etwa für seltene, sicherheitskritische Situationen Lücken schließen und gleichzeitig Datenschutzprobleme umgehen.
Doch die Herausforderungen bei AVF sind groß: Simulationstools müssen extrem präzise sein, um reale Bedingungen korrekt abzubilden. Bei synthetischen Daten besteht die Gefahr, dass Modelle falsche Muster lernen, wenn die künstlich erzeugten Daten nicht realitätsnah genug sind. Für sicheres AVF ist das kritisch, denn fehlerhafte Trainingsdaten können zu gefährlichen Entscheidungen im Fahrzeug führen. Hinzu kommen Fragen der Standardisierung, Interoperabilität und Validierung, damit virtuelle Texte genauso zuverlässig werden wie reale.
Tech-Workshop 3: Agentic & Embodied AI für AVF
Dr. Sanwardhini Pantawane, Valeo GmbH
Nitin Kumar Saravana Kannan, Valeo GmbH
Prof. Dr. Fabian Flohr, Hochschule München

Agentische KI-Systeme, die eigenständig Aufgaben planen, Entscheidungen treffen und Aktionen ausführen, ohne für jeden Schritt explizit programmiert zu sein, könnte AVF-Systeme deutlich flexibler und robuster machen, etwa bei der dynamischen Routenplanung oder im Umgang mit unerwarteten Situationen. Parallel dazu gewinnt Embodied AI an Bedeutung: KI, die nicht nur abstrakt denkt, sondern in physische Systeme wie Fahrzeuge eingebettet ist und mit der realen Welt interagiert, indem die Situation verstanden wird und sichere Handlung ermöglicht. Im Workshop wird diskutiert, welche Rolle beide Ansätze heute spielen, wie sich der Hype um Agentic AI einordnen lässt und wohin die Reise in den nächsten fünf Jahren geht. Wir beleuchten, ob sich Agentic und Embodied AI gegenseitig verstärken oder unabhängig voneinander wichtige Bausteine für AVF bleiben.
12:00Pause
12:30Moderierte Panelrunde: Aufbauend auf den Highlights der Tech-Workshops und den Outcomes des Szenarien-Workshops wird gemeinsam ein Aktionsplan AVF entworfen
13:20Wrap up TACHELES #4 und Verabschiedung
Prof. Dr.-Ing. J. Marius Zöllner, FZI Forschungszentrum Informatik und Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
13:30Ende TACHELES #4
inkl. Lunchbox to go